Lesbisch-queere (Un)Sichtbarkeit im deutschen Fernsehen
Gastbeitrag von Dr. Sabrina Mittermeier, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Geschichte Großbritanniens und Nordamerikas an der Universität Kassel
„The big lie about lesbians and gay men is that we do not exist. (…) We have cooperated for a very long time in the maintenance of our own invisibility. And now the party is over.“[1]
(z.Dt.: „Die große Lüge über Lesben und schwule Männer ist, dass wir nicht existieren. (…) Über lange Zeit haben wir zur Aufrechterhaltung unserer eigenen Unsichtbarkeit beigetragen. Aber jetzt ist die Party vorbei.“)
Der schwule Aktivist Vito Russo schrieb dies in der Einleitung zu seinem wegweisenden Buch The Celluloid Closet (1981) über die queere Unsichtbarkeit im Film. Für seine Studie verbrachte er in den 1970er viel Zeit im Archiv, um queere Charaktere (und die, die als solche gelesen werden können) in der Filmgeschichte aufzuspüren. Später ging er auch auf Vortragsreise und sprach an internationalen Universitäten. Als in den frühen 1980ern die AIDS-Krise ausbrach, war Russo einer der Vorreiter des Aktivismus in New York und gründete u.a. GLAAD (Gays and Lesbians Against Defamation), die media watchdog Organisation, die bis heute gegen die diskriminierende Darstellung queerer Menschen in den US-Medien vorgeht. Russo selbst starb 1990 an AIDS.
Während im US-amerikanischen Film wie Fernsehen seitdem einiges passiert ist, was queere Repräsentation angeht, sowohl in der sexuellen, geschlechtlichen und ethnischen Diversität der Charaktere wie auch der Abkehr von Stereotypen, sieht es in der deutschen Medienlandschaft im Vergleich noch sehr dürftig aus. Viel davon mag mit der Stiefmütterlichkeit, mit der die deutsche Fernsehproduktion besonders in den letzten 20 Jahren behandelt wird, zu tun haben – das Programm bleibt dominiert von US-amerikanischen Produktionen, genuin deutsch ist inzwischen überwiegend billig produziertes Reality TV oder geskriptete Kriminalserien nach Schema F. Queere Repräsentation ist eine merkliche Leerstelle. Und dass, obwohl Sichtbarkeit viel dazu beiträgt, wie sich queere Menschen selbst verstehen – auch weil mediale Repräsentation und Sichtbarkeit für manche Menschen der Auslöser sind, ihre eigene Queerness erstmals bewusst wahrzunehmen. Weiterhin tragen positive Darstellungen in den Medien viel zur Akzeptanz der Mehrheitsgesellschaft bei, was Organisationen wie GLAAD umso wichtiger macht.
Eine der populärsten Serien der deutschen Fernsehgeschichte ist die Lindenstraße, die Vorabendsoap die im Ersten 35 Jahre, von 1985 bis 2020, ausgestrahlt wurde. Produzent Hans W. Geißendörfer nahm sich dabei die britische Soap Coronation Street zum Vorbild, wollte jedoch vor allem ein realitätsnahes Abbild der BRD liefern (ob das immer gelungen ist, ob der doch sehr typisch soaplastigen Narrative, sei dahingestellt). Daher war es Geißendorfer von Beginn an wichtig, auch die queere Bevölkerung sichtbar zu machen[2] – gleich zu anfangs durch die Figur des Carsten Flöter (gespielt von Georg Uecker), der 1986 in der Serie sein Coming Out hatte, und auch Männer küsste –zumindest einmal 1987, und dann wieder 1990.
Interessanterweise schlug erst der zweite Kuss Wellen, wurde sogar zu einem regelrechten Skandal: für eine Weile brauchte Uecker Polizeischutz, und beim WDR gingen sogar Bombendrohungen ein.[3] Uecker, der selbst schwul ist, erklärte sich diese Reaktion Jahre später damit, dass die beiden Männer zusammen im Bett gezeigt wurden,[4] und obwohl der Sex nur impliziert wurde, war dies wohl zu viel für viele Zuschauer*innen in einer Zeit, in der die AIDS-Krise die Emanzipation der queeren Community um Jahre zurückgeworfen hatte.
Im Archiv des WDR finden sich dazu einige Leser*innenbriefe, sowohl von queeren Zuschauer*innen, die die Produzenten lobten und bestärkten, als auch viele der extrem homophoben Reaktionen. Geißendörfer und sein Team haderten zwar und mussten sich auch mit dem damaligen Rundfunkrat streiten,[5] auf lange Sicht jedoch blieb die Lindenstraße queer. Doch besonders lesbische Sichtbarkeit blieb – auch wohl ob dieses Vorfalls – noch eine Weile aus. Die von Sybille Waury gespielte Tanja Schildknecht war zwar schon als Teenagerin ab der zweiten Folge der Serie dabei, aber datete jahrelang Männer, bis sie Ende der 1990er auch mit Frauen Beziehungen führte. 1998 war das für das deutsche Fernsehen ein wichtiger Schritt, und ist wohl auch dem Zeitgeist einiger mutiger Coming Outs zu verdanken. Die Komikerin Hella von Sinnen hatte sich beispielsweise bereits 1991 geoutet, Schauspielerin Maren Kroymann 1993 in einem Interview im Stern. Kroymann berichtete, dass daraufhin zunächst Rollenangebote ausblieben[6] – inzwischen ist sie aber weiterhin regelmäßig im Fernsehen zu sehen. Auch die Moderatorin Bettina Böttinger ist seit 1994 als bisexuell geoutet – allerdings gegen ihren eigenen Wunsch, da Kollege Harald Schmidt das in seiner Sendung tat; eine immer noch unvorstellbare Verletzung ihrer Privatsphäre. In den USA hatte Ellen DeGeneres 1997 ein großes Coming Out, sowohl als Figur in ihrer Sitcom, als auch als Privatperson, mit Interview bei Oprah Winfrey und TIME Magazine Cover – auch das schlug international Wellen und belastete über viele Jahre DeGeneres‘ Karriere; erst mit ihrem eigenem Talkformat in den 2000ern änderte sich das.
2026 mag es sich für viele junge queere Menschen schon fast unvorstellbar anhören, dass man mit einem Coming Out noch um die (mediale) Karriere bangen musste, und wie wenig Frauen und andere queere Menschen in der Öffentlichkeit als solche sichtbar waren. Nichtsdestotrotz ist es bezeichnend, dass man in Deutschland für wirkliche queere Diversität trotzdem immer noch in die anglophonen Medien blicken muss. Während die Lindenstraße bis 2020 noch einige queere Charaktere einführte, und auch andere Soaps nachzogen, bliebt die Repräsentation in der gesamten TV-Landschaft vergleichsweise gering. Besonders in Kriminalserien wie dem Tatort sind die Darstellungen von queeren Personen häufig noch problematisch: veraltete Stereotype sind noch regelmäßig auf den Bildschirmen zu sehen. Auch Hauptcharaktere gibt es weiterhin wenig, ermittelte die lesbische Kommissarin in Luzern doch nur kurz. Für das 21. Jahrhundert ist das schlicht gesagt ein Armutszeugnis.
Dr. Sabrina Mittermeier ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Geschichte Großbritanniens und Nordamerikas an der Universität Kassel und hat 2018 an der LMU München in Amerikanischer Kulturgeschichte promoviert. Sie lehrt und forscht zu US-amerikanischer Populärkultur und transnationaler queerer Geschichte, und ist auch immer wieder als Expertin in den Medien zu sehen bzw. zu hören.
[1] Russo, Vito: The Celluloid Closet: Homosexuality in the Movies. New York, Harper & Row, 1981, S. xii.
[2] Uecker, Georg (mit Daniel Bachmann): Ich mach dann mal weiter! Frankfurt, S. Fischer, 2018, S. 151-52.
[3] Uecker, Georg (mit Daniel Bachmann): Ich mach dann mal weiter! Frankfurt, S. Fischer, 2018, S. 174.
[4] Ibid.
[5] WDR-Unternehmensarchiv, Köln, Lindenstraße, Zuschauerpost und Produktionsakten; Mittermeier, Sabrina: „These Are Not New Bigots: Queer TV, Erinnerungskultur and the Potential of Unproduction
Studies“ in Journal for Media History 27.1 (2024), S. 9-13.
[6] Hollmer, Kathrin: „Die Männer, die das Sagen hatten, sahen nicht, dass da ein Talent ist (Interview mit Maren Kroymann), Übermedien vom 22. April 2023: https://uebermedien.de/83491/maren-kroymann-die-maenner-die-das-sagen-hatten-sahen-nicht-dass-da-ein-talent-ist/ [04.05.2026].
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lesbenwelt2 (1. Juni 2026). Lesbisch-queere (Un)Sichtbarkeit im deutschen Fernsehen. Zwischen Unsichtbarkeit, Repression und lesbischer Emanzipation - Frauenliebende* Frauen im deutschen Südwesten 1945 bis 1980er Jahre. Abgerufen am 7. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/16axa
