Queeres Erzählen in kreativen Texten
Almut M. Amberg studierte Anglistik an der Universität Heidelberg und ist freie Autorin für Queere Fantasy. Ihr Debütroman, „Das Ragnarök-Rätsel“, ist 2024 erschienen.
Nicht nur die Geschichtswissenschaft setzt sich mit der immer da gewesenen menschlichen Vielfalt auseinander, sondern auch andere Bereiche außerhalb der Wissenschaft beginnen, Raum für queere Themen zu schaffen. So wie das Forschungsprojekt zu queerer (lesbischer) Sichtbarkeit beiträgt, gibt es auch andere Medien, die dafür geeignet sind, zu sensibilisieren und zu repräsentieren. Was wir lesen hat seit jeher Einfluss auf unsere Gesellschaft, Werte und unser Denken und oft erfüllen Geschichten eine Vorbildfunktion, ohne den erhobenen Finger zu zeigen. Wie mir einmal gesagt wurde, sind wir die Summe der Bücher, die wir lesen, denn kein Text lässt uns unverändert zurück. Aber was braucht Literatur, um queer zu erzählen und was sind Chancen und Möglichkeiten von queerer Literatur? Als Beispiel möchte ich das Subgenre vorstellen, in dem sich meine Texte verorten: die queere Fantasy. Beim Vorstellen meiner kreativen Arbeit habe ich festgestellt, dass ich keine feste Definition für das parat hatte, was ich mir auf mein Banner geschrieben habe. Was kann queeres Erzählen denn noch sein, wenn wir über die naheliegenden biografischen Texte hinausblicken? Was kann das Fantasy-Genre beitragen?
Wenn man den Begriff „queere Fantasy“ googelt, stößt man zuerst auf viele Listen mit Leseempfehlungen und – meiner Meinung nach auffallend – noch keinen Wikipediaeintrag und kaum einen anderen Artikel, der das Genre beschreibt. Es ist also schneller in die Buchläden und gekommen als wir eine Definitionsgrenze abstecken konnten. Und das ist auch gut so, denn queer und Schubladen, das passt nicht zueinander.
Kurz gesagt: Queere Fantasy (oder Queer Fantasy oder auch LGBTQIA+ Fantasy) wird Fantasyliteratur genannt, in der queere Themen und/oder Charaktere vorkommen. Damit ist mehr gemeint als das Auftreten eines einzelnen z.B. homosexuellen Nebencharakters. Ein Liebesroman würde auch nicht plötzlich queer genannt werden, nur weil die Protagonistin einen schwulen besten Freund hat, es aber am Ende doch nur um das heterosexuelle Paar geht.
Um die unterschiedlich inklusiven Abkürzungen rund um LGBTQIA+ zu vermeiden, bezeichne ich hier als queer alles, was von Heteronormativität abweicht, ob Charaktere oder Narrative. Viele queere Personen haben das Bedürfnis nach Repräsentation, ohne dass Trauma, Drama und Coming-Out im Fokus einer Geschichte stehen. Auch mir persönlich ging es so: Ich wollte queere Figuren sehen, aber ihre Geschichten, die gerade in Jugendbüchern oft „alltägliche“ Teeniestories um erste Liebe und meistens auch Mobbingerfahrungen sind, fand ich uninteressant. Das hat immerhin bereits begonnen, sich zu ändern. Auch die Fantasy, die immer mehr aus ihren von Epen, Märchen und vor allem von Herr der Ringe ausgetretenen Bahnen abweicht, erfüllt diesen Wunsch.
Warum passen queer und Fantasy so gut zu einander? Neben dem der Fantasy immer schon zugeschriebenen Eskapismus (d.h. „Wirklichkeitsflucht“ z.B. durch Medien, die fern vom eigenen Alltag und Problemen sind; Bücher, in die man sich hineinflüchten will), bietet das Genre noch andere Aspekte, die es für queere Lesende attraktiv machen. Fantasy schafft eigene Welten, die ohne Vorannahmen und kulturelle, bzw. gesellschaftliche Wertungen unserer Gegenwart und Vergangenheit auskommen. Nichts hindert einen Schreibenden daran, gleichgeschlechtliche Liebe zur Alltäglichkeit in einer erfundenen Gesellschaft zu machen oder zu etablieren, dass die auserwählte Retter-Figur in einer Welt einer Legende nach nur eine Transperson sein kann. (Warum so viel Fantasy immer auf das europäische, christlich geprägte Mittelalter zurückgreift, ist ein anderes Thema…) In der Fantasy ist so viel Raum für die Aufhebung von Rollen und Begriffen, die in einer anderen Welt vielleicht nie entstanden wären. Gleiches gilt übrigens auch für Science Fiction, aber darüber darf gerne jemand anderes sprechen.
Abgesehen vom Einsatz von queeren Charakteren, kann queere Fantasy auch auf einer metaphorischen Ebene geschehen und durch bestimmte Narrative oder Codes queere Leser ansprechen. Man denke an, die Fernsehserie Merlin – Die neuen Abenteuer[1], in der Merlins zu versteckende und strafbare Magie zur Metapher für Homosexualität wird. Ein ähnliches Gefühl von Verständnis, Ankommen und willkommen geheißen werden in einer fantastischen Welt erfüllt die Harry-Potter[2]-Buchreihe: Der junge Zauberer Harry findet sich plötzlich in einer Welt, in der er magische Gaben hat, akzeptiert, beliebt und reich ist und aus dem Staunen erstmal nicht herauskommt und Freunde fürs Leben findet. Damit erfüllen sich im ersten Band natürlich die Sehnsüchte eines ungeliebten und misshandelten Kindes, aber zugleich oder umso mehr auch der queeren Erfahrung (z.B. beim ersten Eintauchen in die Community). Wer hat sich noch nie eine Welt gewünscht, in der die eigene Queerness uns mächtig macht oder Zugang zu geheimen Wissen und Welten gewährt, die anderen verborgen bleiben?
Oft geschieht dies auch über sogenannte Tropes, ein aus der Rhetorik entlehnter Begriff für wiederkehrende Motive und Themen. Diese haben oft einen englischen Namen und dienen dazu, dass Lesende sich über Bücher austauschen und ähnlichen, neuen Lesestoff finden können. Im queeren Kontext sind bestimmte Tropes wie zum Beispiel „Found Family“ („gefundene/selbstgewählte Familie“) sehr beliebt. Diesen findet man zum Beispiel in Der Hexer[3], der die Prinzessin Ciri so gut wie adoptiert oder in Once Upon A Time, in dem die Protagonistin und die Gegenspielerin, die böse Königin, jeweils Mutter und Adoptivmutter desselben Kindes sind. Das queere Bedürfnis nach der selbstgewählten Gemeinschaft wird auch in Fanfiction, also Texten, die von Fans über ihre Lieblingscharaktere geschrieben werden, besonders stark zum Ausdruck gebracht. Ein anderes Beispiel für einen beliebten Trope sind Gestaltwandler wie zum Beispiel in der Graphic Novel Nimona[4] oder Camilo aus Encanto[5], die durch ihre magische Gabe, die mit dem eigenen Körper verbundene Dysphorie, die Transpersonen oft erleben, ein Ding der Vergangenheit machen.
In Unterhaltungsliteratur und insbesondere der Fantasy liegt noch viel Potenzial, wie vielfältig queeres Erzählen und Leben gedacht werden können. Eine fiktive Geschichte kann durch und durch queer sein, ohne dies plakativ zum Thema zu haben. Durch queere Fantasy können gerade Lesende, die nicht explizit nach queeren Themen suchen, in den Bann einer Geschichte gezogen werden, mit queeren Figuren mitfühlen und sich so eine neue Plattform für Auseinandersetzung und Toleranz eröffnen. Fiktive Vorbilder besitzen dieselbe Möglichkeit, Einfluss auf Lesende auszuüben wie historische Pionier*innen. Das Anliegen, egal ob in Unterhaltungsliteratur oder Forschung, mehr Sichtbarkeit zu schaffen, kann durch Literatur von Einzelpersonen an eine größere Öffentlichkeit umgesetzt werden, da jeder kreative Text zu einem inneren Dialog und individueller Auseinandersetzung einlädt.
Dieser Artikel ist ursprünglich auf www.amamberg-autorin.de erschienen und wurde für diesen Beitrag von der Autorin adaptiert. In diesem Beitrag handelt es sich um die persönliche Meinung der Autorin.
Weiterführende Links:
Blogbeitrag KI und Queer Fantasy
Englische Queer Fantasy Empfehlungen auf Good Reads
[1] Merlin – Die neuen Abenteuer. BBC One, 2008 – 2012.
[2] Rowling, Joanne K. Harry Potter. Bloomsbury, ab 1997.
[3] Sapkowski, Andrzej. Hexer-Saga. dtv, seit 2007.
[4] Stevenson, ND. Nimona. Harper Collins, 2015.
[5] Howard, Byron (Regie). Encanto. Disney Animation, 2021.
OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
lesbenwelt2 (9. März 2025). Queeres Erzählen in kreativen Texten. Zwischen Unsichtbarkeit, Repression und lesbischer Emanzipation - Frauenliebende* Frauen im deutschen Südwesten 1945 bis 1980er Jahre. Abgerufen am 7. Oktober 2026 von https://doi.org/10.58079/13fsv
